Die Photokina 2018 ist zu Ende gegangen. Spätestens jetzt merkt man, wie sehr Sony in die Märkte der etablierten Kamerahersteller eingedrungen ist: nahezu alle namhaften Marken haben vor der Photokina fast im Wochentakt auf die ganz große Marketingpauke gehauen und sogar während der Photokina für echte Überraschungen gesorgt. Sie schlagen mit nahezu unglaublichen Kraftanstrengungen gegen Sony zurück.

Die Gewinner stehen jetzt schon fest: wir Fotografen!

Damit Du dabei nicht den Überblick verlierst, haben wir alle Neuigkeiten zusammengetragen. Es ist ein absolutes Star-Aufgebot geworden: Canon, Nikon, Panasonic, Fuji, Leica und Sigma kämpfen wie die Löwen um Deine Gunst. Und alle schauen verwundert auf den neuen Spieler im Ring: Zeiss ist jetzt auch wieder dabei!

Im ersten Teil beschäftigen wir uns erstmal mit den großen Zusammenhängen, was die Motivation der Hersteller ist, auf einmal so richtig Gas zu geben und stellen die Neuigkeiten von Nikon und Canon vor. Im zweiten geht es dann an die echten und unerwarteten Überraschungen der Photokina 2018, den Neuigkeiten von Leica, Panasonic, Sigma und Zeiss. Und beantworten die Frage, warum Du mit dem Kamerakauf noch warten solltest.

 

Der Kampf ums Überleben

Weltweite Kamera-Verkäufe 2004 - 1017 - Quelle: Statista

Weltweite Kamera-Verkäufe 2004 – 1017 – Quelle: Statista

Die letzten zehn Jahre waren enorm schwierig für alle Beteiligten im Fotomarkt. Das Mobiltelefon hat zu massiven Umsatzeinbrüchen bei allen Kameraherstellern geführt. Dann schlugen schlimmste Naturkatastrophen zu (wie die Erdbeben in Japan oder die Flut in Thailand), die zu erheblichen operativen und finanziellen Belastungen bei Firmen wie Nikon führten. Und schließlich  kamen aus der Not geborene strategische Fehlentscheidungen und jahrelanger personeller Aderlass dazu. Ein teuflischer Mix.

Mit dem Wissen um diese für jede Firma existentiell bedrohlichen Rahmenbedingungen ist es umso bewundernswerter, was die Menschen hinter Canon, Nikon & Co. derzeit auf die Beine stellen. Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben zu sagen, dass es für einige Hersteller durchaus ein Kampf ums Überleben ist.

 

Das Maß der Dinge

Dass der Markt für Kameras, egal ob spiegellos oder nicht, voraussichtlich nie wieder die Größe der Jahre 2000 bis 2008 erreichen wird, scheint allen Marktteilnehmern klar zu sein. So geht es den Herstellern zunächst vor allem um die Fotografen und Fotografinnen, die ihrer angestammten Marke noch nicht untreu geworden sind. Dann wird es aber bald auch darum gehen müssen, verloren gegangenes Terrain wieder gut zu machen und Kunden von Sony zurückzugewinnen. Oder vielleicht sogar ein paar Smartphone-Jünger von den wahren Qualitäten großer Objektive und Kameras zu überzeugen.

Sony 7 III Kamera des Jahres 2018 - Quelle Sony

Sony 7 III Kamera des Jahres 2018 – Quelle Sony

Eigentlich hat es nur der Quereinsteiger Sony mit der Übernahme von Minolta geschafft, nicht nur Marktanteile zu gewinnen, sondern (gemeinsam mit Fuji) de facto einen neuen Markt zu schaffen. Mit eindrucksvollen technologischen Entwicklungen, besonders mit dem überaus erfolgreichen Line-Up der α7-Reihe, ist Sony innerhalb nur weniger Jahre zum Maßstab der Dinge geworden. So ist es kein Wunder, daß (fast) alle neu vorgestellten Kamerasysteme ganz offensichtlich das Produktportfolio und die Leistungsmerkmale von Sony im Visier haben.

Apropos Maß der Dinge: das herausragende Merkmal und der wichtigste gemeinsame Nenner aller neu vorgestellten Systeme ist, dass alle Hersteller sich zu neuen Objektiv-Bajonetten mit eindrucksvollen Bajonettdurchmessern und Auflagemaßen durchgerungen haben. Ganz besonders mit sich gerungen hat dabei sicherlich Nikon, zu deren großen Vorzügen das jahrzehntelange Festhalten am bewährten F-Bajonett zählte.

Mit den neuen Bajonetten können die Hersteller aber nun eine ganz neue hochqualitative und lichtstarke Generation von Objektiven einläuten, die auch den Anforderungen der neuen, immer größer und leistungsfähiger werdenden Sensoren entsprechen werden.

Nüchtern betrachtet sind die neu vorgestellten spiegellosen Kamerasysteme, die neuen Bajonettdurchmesser und Auflagemaße, die neuen Objektive das Ergebnis einer langjährigen Evolution. Aber daß das alles innerhalb von nur wenigen Wochen veröffentlicht wurde, kann man durchaus als großes Paukenschlag-Konzert werten und machte die letzte Herbst-Photokina somit zu einem wahrscheinlich noch jahrelang nachklingenden Ereignis.

Sehen wir uns jetzt die spiegellosen Neuigkeiten der Reihe nach an. Dabei verzichte ich auf die detaillierte Auflistung aller Spezifikationen, sondern versuche eine möglichst objektive und dabei zwangsläufig subjektive Bewertung und Empfehlung zu geben. Bist Du einer jeweils anderen Meinung oder hast weitere Informationen, freuen wir uns über Deinen Kommentar ganz unten!

 

Nikon Z6 und Z7

Nikon hatte sich als Erstes aufgemacht, Sony endlich Paroli zu bieten. Zuerst waren die Lobeshymnen noch etwas verhalten, als die bei Modelle Nikon Z6 und Z7 präsentiert wurden. Doch mittlerweile überwiegen die positiven Bewertungen, immer mehr namhafte Nikon-Fotografen  zeigen sich durchaus beeindruckt.

Nikon Z6 mit FTZ Adapter | Quelle Nikon

Nicht alles ist gelungen, um die vielleicht etwas zu hohen Erwartungen, zu erfüllen. Die Spezifikationen der Z6 und Z7 orientieren sich zwar auffällig an der Sony 7III und 7RIII, können ihnen aber das Wasser nicht ganz reichen. Mit dem neuen Bajonett hat Nikon eine für Nikon-Verhältnisse revolutionäre Entscheidung getroffen. Es ist sicher die Grundlage für viele sehr interessante zukünftige Entwicklungen. Das neue Bajonett verspricht tolle Objektive für die Zukunft, die Verfügbarkeit des gut funktionierenden Adapters FTZ macht die Nicht-Verfügbarkeit von wirklich neuen Z-Objektiven zumindest vorübergehend verschmerzbar.

Der Abstand zu Sony ist merklich kleiner geworden, fast hauchdünn. Das ist eindrucksvoll vor allem anbetracht einer Neuvorstellung. Nikon hat also die Grundlage für die Rückeroberung ihres Stammmarktes gelegt.

Eines der besten und objektivsten Reviews ist Stephan Wiesner gelungen, hier sein Video zur Nikon Z7.

 

 

Canon EOS R

Canon folgte mit ihrer EOS R bald darauf. Obwohl die Kamera durchaus bereits einige namhafte Fans gefunden hat, ist doch alles in allem eine gewisse Enttäuschung vor allem bei Filmemachern zu spüren. Zu viele Features reichen einfach nicht an Sony heran, trotz Dual-Pixel-Autofokus und klappbarem Display. Dafür hat Canon gleich ein paar interessante Objektive für ihr neues Bajonett aus der Tasche gezaubert. Besonders erwähnenswert ist der separate Adapter mit integriertem ND-Filter, ein geniales Teil!

Canon EOS R | Quelle Canon

Auch Canon konnte die hohen Erwartungen nicht erfüllen, obwohl sie es technologisch durchaus könnten. Doch scheint es intern zuviel Angst vor Produktkannibalisierung zu geben, als dass man wichtige Features der Filmkameras C200/300 der EOS R leichtfertig mitgeben möchte.

Die wichtigste Lektion, die Sony in den letzten Jahren lehrte, hat (nicht nur) Canon noch nicht angenommen: gib Deinen neuen Kameras gleich alles mit, was Du kannst, Deine Kunden werden Dich dafür belohnen.

Einen guten ersten Eindruck liefert Stephan Klapszus (der übrigens in seinem Blog eine gute Vergleichsübersicht der Spezifikationen der aktuellen Canon EOS R vs. Nikon Z6 vs. Sony 7III hat).

 

 


Im zweiten Teil (am kommenden Wochenende) geht es dann an die echten und unerwarteten Überraschungen der Photokina 2018, den Neuigkeiten von Leica, Panasonic, Sigma und Zeiss. Daneben stelle ich die Frage: was macht eigentlich Sony im stillen Kämmerchen?

Und begründe natürlich, warum Du mit dem Kamerakauf noch warten solltest!


 

Über Christoph Kopp

Die Portrait- und Reportagefotografie, besonders aber auch multimediale Arbeiten gehören zu den Schwerpunkten von Christoph. Das von ihm gegründete bildwerck.tv bietet kleinen und mittelständischen Unternehmen professionelle Unterstützung bei Realisierung multimedialer Marketing-Maßnahmen. Sein Wissen gibt er auf Fotoreisen und –workshops weiter, so bereits für die Nikon School Deutschland, Calumet Photographic, DAV Summit Club. Mehr über Christophs fotografische Arbeit auf

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