Ein offener Geburtstagsbrief an eine unvollendete Verfassung aus Sicht eines Fotografen


Liebes Grundgesetz,

unglaublich wie die Zeit vergeht, Du wirst heute siebzig Jahre alt!

Deine Eltern, die Frauen und Männer, die Dich als Mitglieder des Parlamentarischen Rates am 23. Mai 1949 auf die Welt brachten, ahnten sicher nicht, welch ein Erfolg Du im Laufe Deines Lebens werden würdest.

Zur Zeit Deiner Geburt krabbelte dieses Land nur mühsam aus den Trümmern und vor allem aus der bleischwer wiegenden Verantwortung hervor, die das zwölf Jahre währende Tausendjährige Reich ihren Überlebenden hinterlassen hatte. Zwölf Jahre, in denen die Nationalsozialisten aus der überwiegenden Mehrheit der Deutschen entweder Mitläufer oder Mittäter geformt hatten.

Das galt auch für die Fotografie. Denn die Nazis erkannten schon früh, welch immensen Einfluss Bilder auf die Meinung der Menschen haben und organisierten gleich nach der Machtergreifung die Gleichschaltung aller Fotografen und Filmemacher unter ihre Doktrin. Das galt auch für die Amateure, die im RDAF “Reichsbund Deutscher Amateurfotografen“ zwangsorganisiert wurden (ein Verband, der auch in der Geschichte der SML eine besondere Rolle spielte). Es war eine „Erziehung zum Wegsehen“, wie es der Fotohistoriker Rolf Sachsse in seinem 2003 erschienen Buch benannte.

Geboren aus Schmerzen

Meistens lernt der Mensch erst, wenn es richtig weh tut. Und es tat weh, sehr weh.

Unerbittliches Ausmerzen aller Widersacher, unvorstellbarer Terror gegen Minderheiten, unermessliche Zerstörung und Tod weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus – das waren die Schmerzen, aus denen die Mitglieder des Parlamentarischen Rates ihre Lehren ziehen mussten. Das sind Deine Wurzeln, liebes Grundgesetz, die wir heute manchmal fast vergessen.

Sinnbildlich für vieles, was wir Dir in unserem heutigen Leben verdanken, ist das Bild von Petar Marjanovic, einem Schweizer Fotojournalisten, das er am 3. September 2018 während der „Wir sind Mehr“ Demonstrationen in Chemnitz gemacht hat.

Es ist sicher nicht die künstlerisch beste Fotografie unserer Zeit, aber sie dokumentiert auf besondere Weise welche Freiheit wir Dir, unserem Grundgesetz, verdanken.

Der Blick fällt zuallererst auf die hauswandhohe Abwandlung von Artikel 1, in dem es eigentlich heißt „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Rund um den 27. August 2018 wurde die Würde des Menschen in Chemnitz gleich mehrfach „angetastet“. Sei es durch den Mord an dem jungen Chemnitzer Daniel H. am 26. August oder sei es durch die daran anschließenden fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz am 27. August.

Der Blick fällt dann auf die darunter liegende Werbung, die gleichzeitig mit der „FCK NZS“-Fahne ihre Botschaft in die Welt hinausruft, während sich daneben auf den Balkonen Menschen versammelt haben, um der Botschaft der Polit-Punk-Band „Feine Sahne Fischfilet“ zuzuhören. All das wenige Tage nachdem AfD und Pegida zum „Trauermarsch“ auf denselben Straßen von Chemnitz riefen.

Der Blick fällt schließlich auf das Gebäude, eine typische, nicht nur in Ostdeutschland vielfältig auffindbare Plattenbau-Sünde, die durchaus als Sinnbild für die Trostlosigkeit und die sozialen Probleme in manchen Ecken des Landes steht.

Unsere Freiheiten

Genau betrachtet, öffnet diese Fotografie unseren Blick auf alle Freiheiten und Rechte, die wir Dir, liebes Grundgesetz, verdanken. Das Recht auf Versammlungsfreiheit (Artikel 8), gerade in politisch höchst aufgeladenen Momenten und egal welcher politischer Couleur man entspringt. Das Recht seine Meinung frei äußern zu können (Artikel 6) oder selbst über die Grenzen der Unantastbarkeit der Würde des Menschen (Artikel 1) diskutieren zu dürfen.  Das Recht Gesellschaften oder Vereine nach Gutdünken zu bilden (Artikel 9), das Recht künstlerisch nach eigenem Ermessen aktiv zu sein oder sich fotojournalistisch frei bewegen zu dürfen (Artikel 5). All das steckt in diesem Bild.

Für uns Fotografen oder Filmemacher stehst Du vor allem für die Freiheit der unbeschränkten künstlerischen Entfaltung, die Freiheit der Meinungsäußerung, die Freiheit alles dokumentieren und kommentieren zu dürfen, ohne Angst um Leib und Leben zu haben, ohne Angst um die eigene Wohnung oder Privatsphäre zu sein.

Du bist gleichwohl aber auch ein Auftrag an uns, die Freiheit der Anderen nicht einzuschränken oder die Würde des Anderen anzutasten, nur weil wir auf der Jagd nach dem einen, dem besonderen Bild sind.

Natürlich bist Du in all Deinen 146 Artikeln noch so viel mehr (gerade in den Spielregeln der Gewaltenteilung zwischen den staatlichen Organen, Institutionen und Kontrollgremien), als es je in nur einen einzigen Brief an Dich passen könnte.

Für all das möchte ich Dir und Deinen Schöpfern heute danken. Ich verspreche Dir, mich mit all meinem Können, meinen Worten und auch meinen Bildern für Dich einzusetzen. Denn zusammen sind wir unschlagbar!

Sollte je Artikel 146 in Kraft treten, dann wird sich die Dir nachfolgende Verfassung an dem messen lassen müssen, was Du uns in Deinem hoffentlich noch sehr langen Leben geschenkt haben wirst.

Happy Birthday, liebes Grundgesetz!

 


Links

Das Grundgesetz zum Nachlesen beim Bundesamt für Justiz

Die Geschichte des Grundgesetzes auf Wikipedia

 

Fotografie von Petar Marjanovic mit Creative Commons Lizenz CC-BY-SA 4.0

Webseite Petar Marjanovic 

Quelle Wikipedia / Wikicommons

 

Über Christoph Kopp

Die Portrait- und Reportagefotografie, besonders aber auch multimediale Arbeiten gehören zu den Schwerpunkten von Christoph. Das von ihm gegründete bildwerck.tv bietet kleinen und mittelständischen Unternehmen professionelle Unterstützung bei Realisierung multimedialer Marketing-Maßnahmen. Sein Wissen gibt er auf Fotoreisen und –workshops weiter, so bereits für die Nikon School Deutschland, Calumet Photographic, DAV Summit Club. Mehr über Christophs fotografische Arbeit auf

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