Innerhalb nur einer Woche Anfang September 2019 sind drei Fotografen gestorben, die ohne Zweifel zu den ganz Großen ihres Fachs gehörten: Peter Lindbergh, Robert Frank und Fred Herzog.

So unterschiedlich ihre Lebenswege und Bildsprachen waren, so eint die drei, dass sie zu den einflußreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts gehörten. Jeder auf seine Weise, jeder mit seinem ganz eigenen Stil. Und alle drei wurden zu Ikonen der Fotografie weit jenseits ihrer deutschen bzw. schweizerischen Ursprünge.

 Im ersten Teil blicken wir zurück auf

Peter Lindbergh

Eigentlich hieß er Peter Brodbeck, doch weil es in Düsseldorf bereits einen Fotografen gleichen Namens gab, nannte er sich in Anlehnung an den berühmten Flieger einfach Peter Lindbergh. Geboren wurde er 1944 im vom Deutschen Reich annektierten westlichen Teil Polens und verbrachte nach dem 2. Weltkrieg seine Kindheit in Duisburg. Er studierte Malerei an der Kunsthochschule in Krefeld, bevor es ihn Anfang der 1970er zur Fotografie zog und er nach Düsseldorf wechselte.

Titelbild des Buches ‘Peter Lindbergh’ mit Kate Moss, © Taschen Verlag (Klick auf Bild führt zum Taschen Verlag)

Mit dem Umzug 1978 nach Paris begann die kometenhafte Karriere des Peter Lindbergh zu den großen Namen der internationalen Modeszene. Die legendäre Anna Wintour verschaffte ihm schließlich bei der amerikanischen Vogue die Plattform für seine damals neue und ungewohnte Sichtweise auf die Mode und die Models, sie bewunderte an ihm seinen unkonformen Stil.

 Während Frauen in der Modebranche bestenfalls ästhetisiert und schlimmstenfalls als dekorative Schaufensterpuppen betrachtet wurden, änderte er den Blick auf die Models radikal: für ihn waren sie selbstbewusste und charakterstarke Individuen, die am besten ohne jegliche Schminke in den Mittelpunkt gerückt werden sollten – noch vor die von ihnen getragene Mode.

Völlig unbeabsichtigt war er sozusagen der Erfinder der Supermodels, die ihren Siegeszug mit seinen Bildern begannen. Denn auf einmal war das ausdrucksstarke Gesicht, das charaktervolle Model wichtiger als die Mode. Peter dem Großen (so genannt von vielen, die mit ihm arbeiteten) haben eine ganze Reihe an Supermodels ihre Karrieren zu verdanken: Kate Moss, Tatjana Patitz, Linda Evangelista, Cindy Crawford, Naomi Campbell, um nur ein paar zu nennen.

 Zwar fotografierte er auch in Farbe, doch bekannt ist er vor allem für seine Arbeit in Schwarzweiß. Oft kontraststark, manchmal körnig und gerne auch mit nahezu unsichtbaren ‘Störern’ im Vordergrund. Einer seiner geliebtesten Hilfsmittel war dabei ein alter Notenständer, den er in der Unschärfe oft im Vordergrund benutzte.

Weniger bekannt ist, dass Peter Lindbergh sich seit den frühen neunziger Jahren auch mit dem bewegten Bild auseinandersetzte. 1991 machte er einen Film über die Models, mit denen er arbeiten konnte. Zehn Jahre später realisierte er einen Film mit der berühmten Choreografin Pina Bausch, die er sehr verehrte. 2007 machte er den siebzigminütigen Film ‘Everywhere at one’, mit dem er sehr viel mehr experimentelle Betrachtungsweisen ausprobierte. Davor und danach entstanden auch eine Reihe Fashion-Filme, hauptsächlich für die verschiedenen nationalen Vogue-Editionen. 

Als letzter entstand 2019 der Kurzfilm ‘Rosalia’ mit der Flamenco-sängerin Rosalia für die spanische Vogue, noch einmal ein echter Lindbergh: schwarzweiß und ganz auf sein Sujet konzentriert.

‘Rosalia’ von Peter Lindbergh (für Vogue Espana)

Ihm ging es nicht um Hochglanzbilder – obwohl er immer für Hochglanzmagazine arbeitete – sondern immer um wahrhaftige, authentische Porträts und legte sich dafür auch denjenigen an, die seine Arbeit zu beeinflussen suchten. In einem Interview mit dem FotoMagazin erzählte er:

“Vorab sah ich schon den Art Director mit dem Designer diskutieren, wie wir jetzt die Fotos machen würden. Ich hatte eine solche Wut, dass ich aufstand und sagte: Redet schön weiter, ich gehe inzwischen raus und schieße die Fotos. Ich machte Aufnahmen, die allem widersprachen, was die beiden besprochen hatten. Daraufhin warf der Kunde die Fotos weg, die wir für die Werbung produziert hatten, und nahm jene Bilder, die man mir zunächst verbieten wollte. Man muss sich eben durchsetzen.” (Quelle: https://www.fotomagazin.de/bild/interview/peter-lindbergh)

Greta Thunberg fotografiert von Peter Lindbergh, Titelbild Vogue Britain September 2019 (Link führt zum Artikel der britischen Vogue)

Dieses Selbstverständnis und die wertschätzende Art der Arbeit mit den Portraitierten machten ihn äußerst beliebt und anerkannt bei allen, die von ihm fotografiert wurden. Die berühmtesten und auch die scheuesten Menschen fühlten sich wohl in seinem Umgang mit ihnen.

So ging es wahrscheinlich auch der eher schüchternen und medienscheuen Klimaaktivistin Greta Thunberg, die er kurz vor seinem Tod noch für ein Special der britischen Vogue in Stockholm fotografiert hat.  Sicher hatte bei der Planung der September-Ausgabe niemand damit gerechnet, dass er nur wenige Woche später sterben würde. Das Portrait der wahrhaftigen und selbstbewussten jungen Aktivistin sollte sein letztes Titelbild werden – durchaus ein politisches Bekenntnis sowohl von Peter Lindbergh wie im Besonderen des Luxusmagazins Vogue (siehe https://www.vogue.co.uk/article/greta-thunberg-vogue-september-2019-issue-cover)

Eine umfassende Werkschau war 2017 in der Münchener Hypo Kunsthalle zu sehen, die nicht nur eine Vielzahl seiner Bilder zeigte, sondern auch eine ganze Briefe von Models an ihn, einige seiner Arbeitsnotizen und auch auch Werkzeuge ausstellte, mit denen er in seiner langen Karriere als Fotograf arbeitete.

Dort war auch ein Film aus der Reihe “Deutschland, Deine Künstler” zu sehen, den der Filmemacher Gero von Böhm zwei Jahre zuvor über ihn gemacht hat und einen tiefen Blick in seine Philosophie und Arbeitsweise, aber eben auch in die Reaktionen der Fotografierten gibt. Viel Spaß beim Ansehen!

 

 

Links zu den Teilen der SML-Serie ‘Tribut an drei große Fotografen:’

 

Über Christoph Kopp

Die Portrait- und Reportagefotografie, besonders aber auch multimediale Arbeiten gehören zu den Schwerpunkten von Christoph. Das von ihm gegründete bildwerck.tv bietet kleinen und mittelständischen Unternehmen professionelle Unterstützung bei Realisierung multimedialer Marketing-Maßnahmen. Sein Wissen gibt er auf Fotoreisen und –workshops weiter, so bereits für die Nikon School Deutschland, Calumet Photographic, DAV Summit Club. Mehr über Christophs fotografische Arbeit auf

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