Innerhalb nur einer Woche Anfang September 2019 sind drei Fotografen gestorben, die ohne Zweifel zu den ganz Großen ihres Fachs gehörten: Peter Lindbergh, Robert Frank und Fred Herzog.

So unterschiedlich ihre Lebenswege und Bildsprachen waren, so eint die drei, dass sie zu den einflußreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts gehörten. Jeder auf seine Weise, jeder mit seinem ganz eigenen Stil. Und alle drei wurden zu Ikonen der Fotografie weit jenseits ihrer deutschen bzw. schweizerischen Ursprünge.

Im zweiten Teil blicken wir zurück auf

Robert Frank 

Die meisten sprechen sein Namen englisch aus, am besten richtig amerikanisch, mit zungenrollendem R und langgezogenem ‘ä’: Robert Fräänk. Denn sein Name ist auf immer verbunden mit einem der wichtigsten Bücher der amerikanischen Fotografiegeschichte: The Americans. 

Robert Frank 1952 in Valencia in einem Bild von Eliott Erwitt / Klick auf Bild führt zu einem lesenswerten Artikel über Robert Frank in der NZZ

Richtigerweise würde man seinen Namen wahrscheinlich in einem kehligen Schwyzerdütsch mit hessischen Einschlag aussprechen, denn geboren wurde er im November 1924 in Zürich als Sohn des Innenarchitekten Hermann Frank aus Frankfurt am Main und einer Züricherin mit dem schönen Namen Rosa Zucker. Als deutschstämmige Juden bekamen Vater und Söhne erst 1945 die Schweizer Staatsbürgerschaft, für Robert Frank war der Schweizer Pass die lange ersehnte Möglichkeit als Fotograf aus der ihm nicht wohlgesonnen Schweiz in die Welt zu ziehen (mit sechzehn Jahren hatte er eine Ausbildung zum Fotografen begonnen und war mit Anfang zwanzig bereits Assistent bei bekannten Fotografen und als Setfotograf beim Film tätig). Er bewarb sich 1947 als Assistenzfotograf bei Harper’s Bazaar in New York und wurde – vielleicht zu seiner eigenen Überraschung – genommen.

So begann eine jahrelange Reise, in der er nicht nur für Harper’s Bazaar, sondern immer öfter auch für andere Magazine wie das Fortune Magazine oder das renommierte Life Magazine fotografierte. Bolivien, Italien, England, um nur ein paar der Länder zu nennen, in denen er bis 1952 auf der Jagd nach Motiven war und dabei fast beiläufig seinen berühmt gewordenen Stil der ‘Snapshot Aestetics’ entwickelte. Von jeder seiner Reisen erarbeitete er spiralgebundene Fotobücher, die er an Freunde verschenkte, unter anderem an seine spätere Frau und an Edward Steichen, den Luxemburger Fotografen und Kurator am MoMA in New York.

The Americans

Mit einem Empfehlungsschreiben Edward Steichens in der Hand bewarb sich Robert Frank 1955 um ein Stipendium der Guggenheim Foundation, es war die finanzielle Grundlage für das Projekt ein umfassendes Portrait Amerikas anzufertigen. Mit zwei Leicas und Schachteln voller Filme brach er auf, zwei Jahre und sechzehntausend Kilometer später kehrte mit über 27.000 Aufnahmen wieder nach New York zurück, aus denen er letztlich 83 Bilder für das Buch ‘The Americans’ auswählte.

The Americans von Robert Frank, 1959

Bilder, für die er aber in Amerika keinen Verleger fand. Erst der französische Verleger Robert Delpire wagte es das Buch 1958 unter dem Titel ‘Les Americains’ mit einem Vorwort von Jack Kerouac, dem Kultautor der amerikanischen Beat-Generation, zu veröffentlichen. Ein Buch, das zu einem Meilenstein nicht nur der amerikanischen Fotografiegeschichte werden sollte.

Das New Yorker Magazin Vanity Fair schrieb in einem Artikel 2008 über ‘The Americans’: “Patriotismus, Optimismus und sauber geschrubbtes Vorortleben waren das Gesetz der Zeit. Und da kommt auf einmal dieser Robert Frank, dieser haarige Homunkulus, dieser Europäische Jude mit seiner 35mm-Leica und macht Bilder von zornigen weißen Männern, von jungen ebenso zornigen schwarzen Männern, von ernstlich enttäuschten Südstaaten-Ladies, von Indianern in Saloons, von Rassenmischung auf den Trennlinien des Landes und von Rassentrennung südlich der Mason-Dixon-Linie – von Bitterkeit, Verschwendung und Uneinigkeit“.

Es war ein Amerika, das die meinungsbestimmenden WASPs (white-anglo-saxon-protestant) der 1950er so nicht sehen wollten – und vielleicht genau deswegen schlug es in Amerika wie eine kulturelle Bombe ein. Robert Franks dokumentarischer ‘Snapshot’-Stil wurde zu einer bestimmenden Bildsprache für Generationen von Reportagefotografen der 1960er bis 1990er Jahre, vielleicht sogar bis heute, vom Kriegsjournalisten bis zum Streetfotografen.

Die Fähigkeit Menschen kritisch zu beobachten und ihr Leben in zufällig wirkenden Bildern auf den Punkt genau zu sezieren, das war die große Kunst von Robert Frank.

 

 

Der Vater des Independent Film

Mit seinen Kontakten und seinem Ruf hätte er nun vielleicht in den erlauchten Kreis der Hohepriester der Reportagefotografen, die Magnum Fotoagentur, aufgenommen werden können, doch er hatte andere Pläne. Denn er wollte Filme drehen, er wollte seine Bildsprache in bewegte Bilder übersetzen.

Ein Jahr nach Erscheinen von ‘The Americans’ fing er an Filme zu machen, mit ‘Pull my Daisy’ entstand ein erster echter Underground-Film. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte entstanden über dreißig Filme, alle unabhängig und ohne jegliches Geld irgendwelcher Filmbosse.

Er gilt so als einer der Väter des Independent-Film, auf den 1972 auch die Rolling Stones aufmerksam wurden.  Sie beauftragten ihn, sie während der Exile-On-Maine-Street-Tour zu begleiten. Mit ‘Cocksucker Blues’ entstand ein Portrait der Rolling Stones, dessen Veröffentlichung sie dann aber mit allen Mitteln verhindern wollten, denn es zeigte das schonungslose Bild einer menschlich verkommenen Rock’n-Roll-Band mit ihren bis dahin ungeahnten Abgründen und ihrer maßlosen Dekadenz.

Es wurde ein handfester Skandal, untermauerte aber seinen Ruf als kritischer und unabhängiger Geist, der trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – im Laufe der Jahre viele weitere Arbeiten mit Musikern wie Patti Smith oder Tom Waits machen konnte.

 

Ausschnitt aus ‘Cocksucker Blues’, die volle Länge kann man auf Youtube nur mit Anmeldung bzw. Altersnachweis ansehen.

 

Nach ‘Cocksucker Blues’ begann er wieder zu fotografieren, blieb aber noch lange vor allem ein Filmemacher. Ein Filmemacher mit einem fotografischen Blick. Ein Fotograf mit dem Blick für das Ganze. Die Neue Zürcher Zeitung schrieb über ihn “Robert Frank hat die Fotografie und den Film revolutioniert, für ihn existierte keine Trennlinie zwischen den Medien“.

 

Im Olymp der Fotografie

Obwohl er seit 1947 in Amerika lebte (abwechselnd in New York und später auch in Mabou, Kanada) blieb sein Blick auf Amerika immer das eines Europäers, gleichzeitig voller Distanz und voller Freundschaft.

Amerika hat irgendwann Frieden mit ihm geschlossen. Nach vielen internationalen Ehrungen (u.a. 1985 der Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie oder 1996 der Hasselblad Foundation Award) wurde er 2016 zum Mitglied der American Academy of Arts and Letters ernannt.

Und sein Buch ‘The Americans’ zählt heute sicher in den Kanon großer amerikanischer Dokumentarfotografie; es ist das, was von ihm sicher auch in hundert Jahren noch in Erinnerung bleiben wird. Sarah Greenough, Kuratorin der National Gallery of Art in Washington, sagte anlässlich einer großen Retrospektive 2009 über ‘The Americans’: “Dieses Buch ist für Amerika wahrscheinlich das wichtigste seit dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte Fotobuch”. Mehr Ehre geht wohl nicht.

Auch wenn er es nie wollte, Robert Frank ist mit seinem Werk im Olymp der Fotografie angekommen. Er starb am 9. September 2019, nur vier Tage vor seiner letzten großen Ausstellung ‘Unseen‘ mit bisher unveröffentlichten Fotografien im Berliner CO (zu sehen bis 30. November 2019).

 

‘Don’t Blink – Blick in die Seele Amerikas’ sehr sehenswerte ARTE-Doku über Robert Frank, 52min

 

Weiterführende Links:

 

Links zu den Teilen der SML-Serie ‘Tribut an drei große Fotografen:’

  • Teil 1 Peter Lindbergh
  • Teil 2 Robert Frank
  • Teil 3 Fred Herzog (folgt Ende November 2019)

Über Christoph Kopp

Die Portrait- und Reportagefotografie, besonders aber auch multimediale Arbeiten gehören zu den Schwerpunkten von Christoph. Das von ihm gegründete bildwerck.tv bietet kleinen und mittelständischen Unternehmen professionelle Unterstützung bei Realisierung multimedialer Marketing-Maßnahmen. Sein Wissen gibt er auf Fotoreisen und –workshops weiter, so bereits für die Nikon School Deutschland, Calumet Photographic, DAV Summit Club. Mehr über Christophs fotografische Arbeit auf

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